Interdisziplinäre
Zusammenarbeit

Symposium

Revival of Places

Routinen und Orte in vorübergehender
räumlicher Nähe für die Wissensgenerierung

Johannes Glückler

Johannes Glückler

Johannes Glückler ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialgeographie und Fellow des Marsilius Kollegs an der Universität Heidelberg. Er war zuvor Professor für Wirtschaftsgeographie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Nach dem Studium der Geographie, Psychologie und Soziologie an den Universitäten Würzburg, Salamanca und der London School of Economics promovierte er an der Universität Frankfurt am Main. Seine Forschungsinteressen liegen in der Wirtschaftsgeographie, der Organisationsforschung, Theorien und Methoden sozialer Netzwerke sowie der Geographie der Dienstleistungsökonomie. Seine Forschung folgt einer relationalen Perspektive und widmet sich insbesondere der Analyse intra- und interorganisatorischer Wissens- und Kooperationsnetzwerke, kreativer und wissensintensiver Dienstleistungsmärkte sowie den institutionellen und organisatorischen Grundlagen wirtschaftlicher Beziehungen in regionaler und globaler Perspektive.

 

Abstract

Beobachtung, Begegnung und Beziehung.
Eine geographische Perspektive

Eine zunehmend wissensbasierte Wirtschaft bedingt die Spezialisierung von Expertise und somit die Vertiefung der zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung in zunehmend globalen Beziehungen. Gleichzeitig begünstigen verkürzte Innovationszyklen variable und befristete Formen der Arbeit: in Projekten und zunehmend unternehmerischen Erwerbsbiografien. Die gleichzeitige räumliche Dehnung und zeitliche Stauchung der Zusammenarbeit stellt neue Ansprüche an die Organisation von Wertschöpfungsbeziehungen und somit an Kommunikationsbedürfnisse von Teams und Unternehmenspartnern. Dieser Beitrag untersucht die Bedeutung von temporärer Kopräsenz für organisatorisches Lernen. Am empirischen Beispiel des globalen Bildermarkts wird argumentiert, dass temporäre Nähe zwar ein hilfreiches Element der Organisation von Lernen darstellt, letztlich jedoch nur instrumentelle Bedeutung zur Begünstigung anderer Lernformen besitzt. Dieser Beitrag unterscheidet drei Lernsituationen aus geographischer und relationaler Perspektive: Beobachtung, Begegnung und Beziehung. Während Lernen durch Beobachtung und Lernen in sozialen und organisatorischen Beziehungen in physischer Abwesenheit möglich ist und empirisch größte Relevanz erfährt, erfordert das Lernen in Begegnung die räumliche Kopräsenz. Im konkreten Kontext des globalen Bildermarkts stellte sich die Frage, wie Anbieter kreativer Bildinhalte aus der Peripherie Marktintelligenz erwerben. Marktintelligenz bezeichnet hierbei die Fähigkeit, Wissen über gegenwärtige und zukünftige Bedürfnisse und Präferenzen in entfernten Absatzmärkten zu gewinnen. Auf Grundlage einer globalen Unternehmensbefragung und zahlreicher Interviews auf verschiedenen Konferenzen und Messen der Bildindustrie wird gezeigt, dass die Begegnung in temporärer Nähe zu flüchtig ist, um selbst Lernort zu werden. Stattdessen bereiten verschiedene Praktiken der Beobachtung die temporäre Begegnung vor, ebenso wie die Begegnung als Instrument zur Bildung von Beziehungen genutzt wird. Der Erwerb von Marktintelligenz und das damit verbundene Lernen findet überwiegend in Beziehung (friendly imitation) und Beobachtung (unfriendly imitation) statt. Die Ergebnisse stützen die Annahme von A Rallett und A Torre, dass physische Nähe nur in zwei Phasen interpersoneller Beziehungen notwendig ist: in den Phasen des Vertrauensaufbaus sowie der Lösung von Konflikten.

E-Mail: glueckler@uni-hd.de